Poysdorf – von Schamanen, Sekt und Saurüsseln

Weinbergschnecke

Eine Marktstudie über das Poysdorfer „Vino Versum“ im Rahmen unseres Lehrgangs brachte einige meiner KollegInnen und mich dieser Tage nach Poysdorf im Weinviertel. Poysdorf ist eine kleine Stadt mit 5.500 Einwohnern und rund 40 Winzern, die schon viele Auszeichnungen erringen konnten. 25 Millionen (!) Liter Sektgrundwein werden dort pro Jahr hergestellt. Hauptsorte in der Region ist der grüne Veltliner. Die gepflasterten Kellergassen der Stadt gelten als die ursprünglichsten in der Region.
Die Stadt lebt nicht nur von der Weinproduktion, sondern auch vom Ausflugstourismus. Alle touristischen Aktivitäten wurden vor rund fünf Jahren unter den Begriff „Vino Versum – Wein-Erlebnis-Welt“ gestellt. Der Name geht ins Ohr und hat Potenzial, wobei an der Positionierung und der Präsenz der Marke sicher noch gearbeitet werden muss (anfangs war uns nicht klar, was „Vino Versum“ genau beschrieb: ein Museum? Eine Weinmarke?).

Vino Versum – die Wein-Erlebnis-Welt auf einem Quadratkilometer
Das Vino Versum ist beschrieben als „Ein Quadratkilometer Wein-Erlebnis“ zu dem unter anderem folgendes zählt: das Weinstadtmuseum, diverse Gasthöfe und Heurige, die „Gstettn“ und das Informationszentrum mit dem Weinmarkt. Die beiden letzten bilden, in Ermangelung eines richtigen Hauptplatzes, das Zentrum des Vino Versums. Dort kann sich der Besucher mit Prospekten versorgen, Traktorrundfahrten durch die Kellergassen buchen und seinen eigenen Vorrat an Saurüssel aufstocken. Nein, letztere haben mit dem Offensichtlichen nichts zu tun. Sie bezeichnen den typischen grünen Poysdorfer Veltliner, der bestimmte Gütekriterien erfüllen muss, um diesen Namen führen zu dürfen.

In der „Gstetten“, einem dörflich anmutenden Areal in der Stadt mit Heurigen und der Kulturbühne Poydium, befindet sich auch die Schlumberger Sektwelt, die Maximilian Riegelhofer Senior vor rund fünf Jahren eröffnet hat. Sein Herzblut (und laut seiner Familien auch zu viel Geld) hat er in die Sammlung von 300 Sektkühlern, Sektgläsern und sonstigen Kuriosa aus aller Welt gesteckt. Das grösste Sektglas hat es ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Bei der Führung durch den Keller weiß Herr Riegelhofer zahlreiche Anekdoten rund um den Sekt und dessen Produktion zu erzählen. Die alten Weinpressen (das älteste Stück aus Frankreich stammt aus dem 19. Jhd) hat er zum Teil im Garten aufstellen lassen, der noch bis zum Sommer mit von ihm in Auftrag gegebenen Kunstwerken verschönert werden soll. Eine weitere Leidenschaft, so lässt uns Herr Riegelhofer wissen, gilt der Zucht von Weinbergschnecken, die zwischen den alten Weinpressen im Garten prächtig gedeihen. „Vorsicht! Zertreten Sie mir meine Schnecken nicht. Die sind mir heilig!“, ruft er aus, als wir näher treten, um die Tiere genauer zu inspizieren. Auf meine verwunderte Frage, was denn mit den ganzen Schnecken denn letzten Endes geschehe (ich erinnerte mich wehmütig an meine eigene erfolglose Schneckenzucht in Kindertagen, aus der alle „Zuchttiere“ bereits nach einem Tag aus dem Gehege, einer roten Kinderscheibtruhe, entflohen), beginnt er plötzlich von dem einmal im Jahr stattfindenden Familienmahl zu schwärmen, bei dem die kleinen Lieblinge mit herrlichen Saucen serviert werden. Also doch nichts mit wahrer Tierliebe. Gegen Mittag endet die Kurzführung. Der nächster Termin des Herrn Riegelhofer wartet: Karl Merkatz beehrt an diesem Tag die Weinstadt und muss vom abgeholt werden.

Einmal St. Petersburg und zurück
Eine weitere Attraktion des Vino Versums ist das Weinstadtmuseum. Beim Betreten dieses ehemaligen Bürgerspitals steht man fast unmittelbar in der Barbarakapelle, in der zurzeit eine Ausstellung über Schamanismus zu sehen ist. An den hinteren und seitlichen Wänden der christlichen Kapelle hängen willkürlich verteilt Masken, Kleidungsstücke und andere Schaustücke. Mittendrin grinst uns Bob Marley entgegen. Was das alles in einer christlichen Kapelle zu suchen hat und was Poysdorf mit Schamanismus am Hut hat, ließ sich nicht genau eruieren.
Beate, ein weiteres sympathisches Poysdorfer Urgestein, führt uns auch noch durch den Rest des Museums, in dem (nachgemachte) griechische Amphoren ebenso zu sehen sind wie Mammutknochen, Öfen aus der Jungsteinzeit (oder wars die Bronzezeit?), Kleidungsstücke aus dem vorigen Jahrhundert und alte Maschinen für die Weinproduktion. Der Schaukeller lässt die alten Zeiten wieder aufleben, als die Poysdorfer Kutscher ihren Wein in Fässern noch bis St. Petersburg lieferten. Beates umfangreichen Erklärungen zur Weinherstellung zu folgen war aber nicht immer so leicht, muss Poysdorferisch doch von Kindesbeinen an gelernt sein.

Wein & Golf
Der anschließende Besuch des 18-Loch-Golfplatzes und des vier Sterne Hotels Veltlin ist nach den alten Weintraditionen ein Sprung in eine andere Welt. Anlässlich einer Fernsehsendung über das Weinviertel ist im Hotel auch ein Kamerateam anwesend. Ansprachen des Bürgermeisters und eine zünftige Blasmusi dürfen dabei selbstverständlich nicht fehlen. Die in Tracht gekleideten Ortsvertreter freuen sich über die kostenlose Werbung findet doch ein Teil der niederösterreichischen Landesausstellung 2013 in Poysdorf statt.

Gebrauchsanweisung für Poysdorf
Wenn Sie Poysdorf besuchen seien noch die zwei Lektionen erwähnt, die wir an diesem Tag gelernt haben: nehmen Sie sich vor dem aggressiven Verkehr auf der Hauptstrasse in acht (die tschechischen und polnischen LKW-Fahrer haben es eilig!) und passen Sie im Garten der Sektwelt bitte auf die kriechenden Leckerbissen von Herrn Riegelhofer auf. Der gefrässige Igel richtet schon genug Schaden an.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Reisegeschichten, Tourismus abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Poysdorf – von Schamanen, Sekt und Saurüsseln

  1. Oldheli schreibt:

    Sehr schlüssiger und lebensnah gewürzter Beitrag über Poysdorf. Macht richtig neugierig diesen Ort kennenzulernen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s